Projektgruppe ZwangsarbeitProjektgruppe Zwangsarbeit

Um die nahezu unfassbaren Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Zeit des Nationalsozialismus zumindest in Teilen begreifen zu können, braucht man direkte Bezüge.

Die Pilotausstellung „Städtedreieck unterm Hakenkreuz – NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum“ wurde Anfang 2010 in Maxhütte-Haidhof (Landkreis Schwandorf / Oberpfalz) gezeigt und von einem mehrere Veranstaltungen umfassenden Rahmenprogramm begleitet. Die Bilanz mit mehr als 1.700 Ausstellungsbesuchern, deren durchweg positive Einträge ins Gästebuch, Lob und Anerkennung aus Historikerkreisen sowie die Medienresonanz stimmte nicht zuletzt die Kooperationspartner und Unterstützer des Pilotprojekts hochzufrieden.

Einen ausführlichen Projektbericht finden Sie als PDF zum Download hier.

Die Wahl des bayerischen Städtchens Maxhütte-Haidhof als Präsentationsort für die erste Ausstellung erfolgte nicht ohne Grund: Seit Sommer 2009 wird in der Kommune über das Verhältnis zu dem Großindustriellen Friedrich Flick diskutiert. Der ehemalige Eigentümer des örtlichen Eisenwerks „Maxhütte“ suchte früh die Nähe zum NS-Regime, spendete großzügig an die SS und profitierte stark und gezielt vom Angriffskrieg und der „Arisierung“ des Besitzes jüdischer Konkurrenten. Während des Zweiten Weltkriegs setzte der Konzernlenker in seinen Betrieben zehntausende Zwangsarbeiter ein und wurde zu einem der reichsten Deutschen. Er agierte ohne jeden Skrupel, zeigte auch später nie Einsicht oder Reue und lehnte Entschädigungen der Opfer zeitlebens ab. 1947 verurteilten ihn die Nürnberger Richter u. a. für den Einsatz von Arbeitssklaven als NS-Kriegsverbrecher. Da Flick aber über Jahrzehnte der wichtigste Arbeitgeber im so genannten Städtedreieck (Maxhütte-Haidhof, Teublitz, Burglengenfeld) war, wird er dort auch durch politische Entscheidungsträger immer noch idealisiert. Initiativen zur Umbenennung der bis heute in Maxhütte-Haidhof und Teublitz existierenden Friedrich-Flick-Straßen wiesen die Stadträte ab – in Maxhütte-Haidhof sogar einstimmig. Auch Überlegungen zu einer kommentierenden Ergänzung an den Straßenschildern, die auf Flicks enge Partnerschaft mit den Nationalsozialisten verweisen, wurden verworfen. Bis heute wird somit ein verurteilter NS-Kriegsverbrecher im Freistaat Bayern öffentlich geehrt. Die Diskussion in der Bürgerschaft über den richtigen Umgang mit Friedrich Flick hält an.

Mit der Ausstellung in der „Hüttenschänke“, dem ehemaligen Kasino des Eisenwerks in Maxhütte-Haidhof, konnte die Projektgruppe nicht nur erstmals wissenschaftlich fundiert und publikumswirksam den Zwangsarbeitereinsatz in diesem Flick-Werk darstellen, sondern auch aufzeigen, dass im gesamten Landkreis auf den Feldern sowie in Handwerks- und Gewerbebetrieben hunderte aus ihrer Heimat deportierte Ausländer Schwerstarbeit für ihre deutschen Herren verrichten – als Ersatz für die eingezogenen Männer. Ohne die Zwangsarbeiter hätten viele Familien ihre Lebensgrundlagen nicht sichern können. So profitierten letztlich auch „einfache“ Bürger von diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Einige setzten sich aber auch für Zwangsarbeiter ein und riskierten dabei viel. Selbst Freundschaften wurden geschlossen, die den Krieg überdauerten.

Parallel zu den eigenen Recherchen initiierte der Verein ein Schülerprojekt am Burglengenfelder Gymnasium. Arbeitsergebnisse wurden in die Ausstellung der Projektgruppe integriert. Gleichzeitig entstand eine Schülerausstellung in der Aula des Gymnasiums.

Inzwischen fanden zwei Folgeausstellungen der Projektgruppe in der Oberpfalz statt: „Schwandorf und das Städtedreieck unterm Hakenkreuz – NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum“ (Ende 2010) in der Großen Kreisstadt Schwandorf und „Sulzbach-Rosenberg unterm Hakenkreuz – NS-Zwangsarbeit im ländlichen Raum“ (Mitte 2012) in Sulzbach-Rosenberg im benachbarten Landkreis Amberg-Sulzbach.

Auch in diesen Städten wurde öffentlich über das Verhältnis zu Friedrich Flick diskutiert. In Schwandorf trägt die Straße entlang der ehemals Flick'schen Gießerei seit 1973 den Namen des NS-belasteten Großindustriellen. Ende Dezember 2010 stimmten die Stadträte über eine Umbenennung ab. Das Ergebnis nach langen öffentlichen Diskussionen: 15:15 Stimmen. Damit bleibt die Flick-Straße in der bayerischen Kreisstadt bestehen. In Sulzbach-Rosenberg – einst Stammsitz der „Maxhütte“ – hingegen wurde das „Friedrich-Flick-Stadion“ des örtlichen Fußballvereins kurz vor der Ausstellungseröffnung 2012 umbenannt.

Beide Ausstellungen zählten insgesamt mehr als 5.000 Besucher. Sie wurden durch deutsch-tschechische Schülerprojekte mit vorbereitet und von einem Rahmenprogramm flankiert. Im Nachgang entstanden vor Ort Initiativen von Schulen und interessierten Bürgern, die sich für Erinnerungsorte und eine weitere Aufarbeitung einsetzen. Einen ausführlichen Bericht über die Ausstellung, Schülerprojekte und Begleitveranstaltungen in Schwandorf finden Sie als PDF-Download hier, für den Ausstellungsort Sulzbach-Rosenberg hier.

Vom 8. September bis zum 24. November 2013 fand im Industrie- und Bergbaumuseum Ostbayern (Kultur-Schloss Theuern, Landkreis Amberg-Sulzbach) die Schau "Unterm Hakenkreuz - NS-Zwangsarbeit in unserer Region" statt. Hier wurde die von der Projektgruppe in der Oberpfalz geleistete Forschungs- und Erinnerungsarbeit zusammenfasst und der heutige Umgang mit dem Kriegsverbrecher Friedrich Flick dokumentiert. Rund 900 Besucher nutzen die erneute Gelegenheit, um sich über die Thematik zu informieren.

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Blick in die Pilotausstellung in Maxhütte-Haidhof, Februar 2010. [Alice Selzer, Fotowerk Berlin]

Straßenschild in Maxhütte-Haidhof, 2010. [Projektgruppe „Zwangsarbeit“]

Friedrich Flick im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess, 1947. [bpk]

Interview mit dem ehemaligen tschechischen Zwangsarbeiter Leopold Dudek († 2012), 2010. [Rundfunk Berlin-Brandenburg]

Schüler aus Burglengenfeld beim Sichten von Unterlagen, 2009. [Mittelbayerische Zeitung]

Schülerinnen aus Schwandorf bei einer Video-Umfrage zur dortigen Friedrich-Flick-Straße, 2010. [Projektgruppe „Zwangsarbeit“]

Impressionen aus dem Flick-Teil der Oberpfälzer Ausstellungen, 2010. [Projektgruppe „Zwangsarbeit“]